Essay – Radikale Aufklärung – eine Welt der offenen Quellen

Ich starte mal ein neues Projekt. Soll eine längere Sammlung von Essays werden unter dem Namen „Radikale Aufklärung“ – hab dafür einen eigenen Blog aufgesetzt, dem man hier folgen kann: word.undeadnetwork.de oder natürlich auch abonnieren im föderierten Internet unter der Adresse @freier@word.undeadnetwork.de

 

 

Radikale Aufklärung – eine Welt der offenen Quellen (Einleitung)

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Wir schreiben das Jahr 20XX. Die Menschen tragen kleine Hochleistungscomputer an ihren Körpern, welche mit Sensoren, Bildschirmen und Soundeffekten direkt an ihre Sinnesorgane und das Gehirn angeschlossen sind. Gekoppelt sind diese Hirnschnittstellen an ein Netzwerk, welches von einem Konglomerat riesiger Techfirmen betrieben, überwacht und manipuliert wird. Gemeinsam mit dem Militär, den Strafbehörden und einer korrupten Führungselite der einzelnen Regionen, werden alle Gedanken, Ereignisse, Gespräche und Bewegungen der Menschen aufgezeichnet, analysiert, manipuliert und wieder gegen sie verwendet.

Mächtige neuronale Netze erstellen haargenaue Profile jedes Einzelnen, welche dann ebenso mächtigen Algorithmen übergeben werden und die Menschen dahin leiten, wo es vorgesehen ist. Krieg, Armut, Seuchen erscheinen den Individuen als eigene Wahl oder doch zumindest als unabwendbares Schicksal, welches von einem großen, dunklen, unbekanntem Ding gnadenlos erzwungen wird. Ein Großteil der Bevölkerung hat sich dem Algorithmus und seinen Herren vollständig ergeben, verteidigt seine Macht, spricht seine Sprache und salutiert ca. alle 40s in dem es die Schnittstelle mit dem Kopf verbindet.

Die im vorigen Jahrhundert noch so mächtige Zivilgesellschaft hat sich praktisch aufgelöst. Presse, Journalisten und Intellektuelle (ebenfalls vor nicht allzu langer Zeit wichtige Stützpfeiler einer freien Gesellschaft) unterwerfen sich offen Kampagnen. Die Suche der Wahrheit gilt als falsch und destruktiv. Die Suche nach der Wahrheit muss unterbunden werden. Ab und an gab es Einzelne, die die neue Logik offenlegten und zeigen, dass es sich doch nur um Menschenwerk handelt und dass man es ändern kann. All diese Einzelnen sind nun im Gefängnis auf der Flucht oder im Wahnsinn. All diese Einzelnen wurden vor der Öffentlichkeit quasi hingerichtet.

Die Machtzentren werden immer kleiner, aber immer mächtiger. 1% der Weltbevölkerung besitzt alles. Der Rest bekommt Almosen. Doch meist nicht mal das. 9 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Hunger, während anderen täglich das millionenfache eines durchschnittlichen Arbeitergehalts zu Verfügung steht. Unter den besitzlosen 99% tobt ein gnadenloser Überlebenskampf, der hauptsächlich durch Hass und Verachtung geprägt ist. Politisches Denken und Handeln ist einem nutzlosen, für die Herrschenden ungefährlichen, Ringen um Trivialitäten gewichen. Vorlieben beim Konsum oder Spitzfindigkeiten in der Alltagssprache schaffen unversöhnliche Lager, die niemals aufhören können, gegeneinander zu kämpfen. Und sie kämpfen um NICHTS, um gar nichts.

Eine schreckliche Dystopie, oder? Wie konnte es so weit kommen? Wie konnten wir uns von den Idealen der Aufklärung so weit entfernen? Und können wir was dagegen tun?

Ja können wir

Radikale Aufklärung – eine Welt der offenen Quellen

1. Kapitel Radikale Aufklärung Eine Welt der offenen Quellen von A.E. Freier

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Das Ende der Aufklärung?

Im 19. und 20. Jahrhundert glaubte man im Allgemeinen, dass sich der Verlauf der Welt und die Geschicke der menschlichen Gesellschaften historisch entwickeln. Das heißt, man nahm an, dass es immer eine Progression gibt und dass sich alles ständig zum Besseren entwickelt. Noch in den spätbürgerlichen Staaten nach dem 2. Weltkrieg wurde davon ausgegangen, dass die nächste Generation es einmal leichter haben wird. Die Kinder sollten es mal besser haben.

Ausgelöst wurde dieser Gedanke zum einen durch den enormen Erkenntnisgewinn durch die immer versierter werdenden Wissenschaften. (Zu nennen ist in diesem Zusammenhang sicher Charles Darwin und seine Entdeckung in Bezug auf die Entstehung der Arten). Sowie die, durch Hegel und später Marx, populär werdende historische Betrachtung in den Geisteswissenschaften.

Wissen, Ethik und Politik entwickelten sich demnach nicht durch göttliche Fügung oder die erleuchteten Geistesblitze weniger begnadeter Auserwählter, sondern durch eine gemeinsame Leistung der Menschheit. Wissen und Erfahrung wurden über Generationen und Generationen weiter gegeben, hinterfragt, auf Irrwege geführt und von Irrwegen befreit. Der Gedanke war positiv. Auch wenn sich diese Entwicklung keineswegs linear vollzog, schien es doch Gesetz zu sein und man konnte eine ständige Vervollkommnung der Menschen und der menschlichen Gesellschaften erwarten.

Der immer rasantere Aufstieg der Industrialisierung, und die damit einhergehende Beschleunigung der Kenntnisse der Physik, konnten offensichtlich wahre Wunder bewirken. Immer mehr schwere und unangenehme Arbeiten wurden von Maschinen erledigt, elektrischer Strom, sich selbst antreibende Fahrzeuge, Übertragung von Informationen, Bild und Ton über 1000e Kilometer kündeten von einer glorreichen Zukunft.

Doch all dies blieb nicht unwidersprochen. Wenn alles deterministisch, empirisch und berechenbar darzustellen ist, dann gibt es keinen Gott. Religionen lehnen naturgemäß eine historische Sicht auf die Welt ab, da sie meist davon ausgehen, dass es einen ersten Beweger, einen Erschaffer der Welt gibt oder doch zumindest alles in einem Zyklus, einem Kreislauf geschieht. Veränderungen können aus dieser Sicht nur Oberflächlichkeiten und Nebensächlichkeiten sein, da am Ende doch alles wieder in dem Einen, in dem Ursprung aufgeht.

Auch gab es (und gibt es) reaktionäre Kräfte. Diese lehnen eine Progression ab, vornehmlich schlicht aus persönlichen Gründen, da diese mit Verlust von Macht, Besitzt, erblichen Adelsrechten oder Ähnlichem einhergeht. Oder sie wollen glauben, dass bestimmte Gruppen (ihre eigene) uralte Rechte auf bestimmten Boden oder gleich auf die Existenz im Allgemeinen haben.

Die Aufklärung, die Grundlage jeder bürgerlichen Gesellschaft (und in der auch andere Gesellschaftsmodelle wie der Kommunismus ihre Basis haben), ist im Kern eine zutiefst historische und materialistische Begebenheit. Im 19. und 20. Jahrhundert schienen die Aufklärung und die Französische Revolution unumkehrbare Ereignisse zu sein. Doch im 21. Jahrhundert bröckeln die Gewissheiten.

Die Progression scheint kein Heilsversprechen mehr zu sein. Umweltzerstörung und rasante Zunahme der Ungleichheit, fatale Armut, Hungertod und Migration sind unabänderbare Konstanten der aktuellen Weltgemeinschaft. Günther Anders Warnung(1), dass die Menschheit von der eigenen technischen Revolution überholt wird, ist schon lange kein bizarrer Plot für billige Science-Fiction-Romane mehr.

Durch Spezialisierung und Expertentum ist die Digitalisierung, die binnen kürzester Zeit das Leben aller Menschen verändert hat (ich denke man macht keinen Fehler, wenn man den Beginn der Digitalisierung auf das Jahr 2000 mit der Gründung von Google legt) zu einem für das einzelne Individuum undurchschaubaren mythischen Monster geworden.

Die Digitalisierung, die zu 100 Prozent aus empirischen, rationalen mathematischen Berechnungen besteht, scheint ein Göttergötze geworden zu sein. Willkürlich, unberechenbar(!) und grausam. Doch wenn sie doch nur Menschenwerk ist, wenn sie eben berechenbar ist, kann sie dann nicht die Rettung der großen Gedanken der Aufklärung sein. Vielleicht gibt es doch “Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit”? Vielleicht wendet sich doch alles zum Besten?

(1) Günther Anders Die Antiquiertheit des Menschen. Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. C. H. Beck, München 1956

2. Kapitel Radikale Aufklärung Eine Welt der offenen Quellen von A.E. Freier

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Commons und das Kapital

Einer der Hauptunterschiede der bürgerlichen Epoche zu allen voran gegangenen ist das Kapital. Das meint den Privatbesitz gemeinschaftlicher Güter und Ideen. Produktionsmittel, Boden, Patente, unter Umständen auch Menschen als Arbeitskraft gehören einzelnen privaten Personen, die damit eigene, private Interessen verfolgen. Es entsteht die Klasse der Kapitalisten, und man nennt diese Gesellschaftsform deswegen auch Kapitalismus. Die liberale Idee dahinter ist, dass es so zu einem permanenten Konkurrenzkampf der Einzelinteressen und Egoismen kommt, die dann am Ende doch für alle Gutes und Richtiges schaffen.

Ist es in einer idealisierten, romantischen Welt eines Adam Smith, vielleicht noch möglich so zu denken, da dort alle dieselbe Ausgangslage haben, wird in der realen Welt schnell sichtbar, dass es zur Akkumulation des Kapitals kommt. Die Voraussetzungen sind keineswegs gleich. Dort, wo sich das Kapital befindet, wird sich mehr Kapital sammeln. Es entstehen zentralistische Strukturen, Monopole, Imperien, Eliten. Der Kapitalismus kippt in den Imperialismus. Die gesellschaftliche Gewalt wird privatisiert und die anderen Ziele der bürgerlichen Revolution wie Gleichheit oder Demokratie können so nicht entstehen oder bestehen und werden unmöglich. Die bürgerliche Gesellschaft schafft sich selbst ab.

Das ist, wie wir spätestens seit Rosa Luxemburg (2) wissen, keine traurige Perversion, die man bekämpfen kann, sondern die Akkumulation des Kapitals und Zentralisierung der Macht ist auf Privatbesitz beruhenden Gesellschaften immanent und geschieht zwangsläufig.

Extreme Auswüchse kann man in den spätbürgerlichen Gesellschaften der letzten Jahrzehnte beobachten. Unter dem in den 1940ern entwickelten Begriff des Neoliberalismus wird gewissermaßen alles privatisiert. Gedanken, Gefühle, kommunale Infrastruktur, Politik und Politiker, Krieg und Frieden. Mit dem Aufkommen der Digitalisierung und deren vollständigen Privatisierung gibt es heute keinen Ort mehr, der nicht anderen gehört, der uns nicht vollständig entfremdet ist.

Auf der anderen Seite gibt es die sogenannten Commons, ein etwas schwammiger Begriff (der sich leider auch schlecht ins Deutsche übersetzten lässt, da höchstens “Allgemeingut” infrage käme, was sich aber nur auf Güter bezieht). Commons bezeichnet “das, was allen gehört”. Ein klassisches Beispiel ist die Landschaft. Landschaft gehört immer allen, denn selbst wenn das Land einem bestimmten Menschen gehört, gehört doch die Landschaft immer dem, der sie betrachtet.

In unserer neoliberal geprägten Welt werden, nach und nach alle Commons privatisiert und damit per definitionem gestohlen. Eins der extremen Beispiele ist z.B. das Betriebssystem. Das Betriebssystem, also die Software, die einen Computer benutzbar macht, ist eine der großen Leistungen der Menschheit, keine Firma und schon gar nicht eine einzelne Person, hat dies geschaffen oder darf das verkaufen.

Bekanntlich wird das aber gemacht, genau wie viele andere, durch die Menschheit geschaffene Produkte, Gedanken, Wissen dreist an die Menschen zurückverkauft werden, obwohl es ihnen längst gehört.

So traurig wie die Situation im Moment aussieht, so offen zeigt es aber auch, wie wir dies überwinden können. Wir müssen es schaffen, das Kapital zurück oder das erste Mal in Commons zu übertragen. Diese Idee ist nicht neu, “Produktionsmittel in die Hand der Arbeiter.” “Die Häuser, gehören denen, die darin wohnen.” usw. Das geht nur mit Gewalt. Doch die Digitalisierung öffnet uns eine völlig neue Möglichkeit. Die Digitalisierung eröffnet uns einen Weg, die Werte der Gesellschaft und die Teilhabe daran zurück oder erstmals in die Hände derer zu legen, die die Gesellschaft sind – wir, die Menschen.

Die Idee dazu, und die ist einfach und radikal, kommt aus der Softwareentwicklung. Es ist die Idee der offenen Quellen, der open sources!

(2) Rosa Luxemburg – Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus. Buchhandlung Vorwärts Paul Singer, Berlin 1913


3. Kapitel Radikale Aufklärung – Eine Welt der offenen Quellen von A.E. Freier

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Die Intelligenz der Massen

Im Zuge der rapide fortschreitenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert entstand ein neues Phänomen. Eine in der Menschheitsgeschichte so noch nie dagewesen Veränderung, die Entstehung der Massen. Das Zentrum des kulturellen und vor allem wirtschaftlichen Lebens verschob sich vom Land in die Stadt. Von einer seit Jahrhunderten geprägten sozialen Gemeinschaft im Dorf oder der Kleinstadt zu den Arbeitermassenquartieren in den immer riesiger und dominanter werdenden Industrie- und Großstätten.

Dies änderte die Gesellschaft fundamental. Die Klassenverhältnisse änderten sich von Bauer und Herren zum Heer der Arbeiter, den Proletariern, und denen, die die Arbeiter für sich arbeiten lassen, den Fabrikbesitzern und Kapitalisten. Die Masse ist somit ein politischer Akteur. Das 20. Jahrhundert hat gezeigt, dass die Massen eine sehr ambivalente Rolle spielen kann. Zum einen wurden totale Kriege und unglaubliche Grausamkeiten im Namen des Volkes, der Gemeinschaft oder der eigenen Gruppe begangen, zum anderen setzte sie eine ungeheure Demokratisierung und Zerstörung der Herrschaftsstrukturen in Gang.

Heute leben wir in einer Massengesellschaft, mit allen Vor- und Nachteilen und ob wir wollen oder nicht. Jede Herrschaftsstruktur muss, wenn sie die Herrschenden an der Macht halten will, die Massen kontrollieren. Dies geschieht neben direkter Gewalt oder materieller Abhängigkeit, vorrangig durch die Medien. Spielte schon das Radio im 2. Weltkrieg eine nicht zu unterschätzende Rolle zur Mobilisierung der Menschen, kommen heute noch das Fernsehen und im entscheidenden Maße das Internet da zu.

Das Internet (im weitesten Sinne) ist heute der wichtigste Akteur, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen oder sich zu einer Entscheidung verleiten zu lassen. Es kann die Menschen veranlassen bestimmte Produkte und Marken zu mögen oder bestimmte Gruppen zu hassen, es entscheidet über Krieg und Frieden. Dominiert wird das, was wir heute Internet nennen, von einer Handvoll riesiger Tech-Konzerne, die sich, wenn überhaupt, nur lieblos die Mühe machen, ihre Verbindung zu Militär und Macht zu verstecken.

Auf den ersten Blick scheint es heute mühelos zu gelingen, die Menschen zu lenken und sie zu manipulieren. Die Massen scheinen dumm und apathisch, höchstens fähig sich zu einem Mob zu verbinden. Doch schaut man genauer hin, sieht man ein Phänomen, welches sich bei der Vernetzung von Menschen und Kulturen fast immer ereignet, der Austausch von Wissen, die Vermehrung von Wissen, die Intelligenz der Massen.

Wie viele Fliesen wurden gelegt und viele Socken gestrickt, mit Anleitungsvideos aus dem WWW? Wie viele Fragen beantwortet und Projekte organisiert? Das Wissen der Einzelnen ist in der Kombination fast unendlich, zumindest was unsere kleine Welt auf unserer kleinen, runden Erde betrifft. Diese Kombination des Menschheitswissens ist unglaublich mächtig und neben dem korrekten Legen von Fliesen eine Möglichkeit zu echter Emanzipation und Selbstermächtigung.

Dies kann nicht gelingen, wenn dieses Wissen in der Hand einiger weniger, oben erwähnter Konzerne liegt und diese den Zugang beliebig verweigern, erschweren oder manipulieren können. Dieses Wissen entfaltet seine Macht durch den freien, uneingeschränkten Zugang für alle Menschen und durch die Dynamik, die daraus entsteht, dass dieses Wissen beliebig verändert, kombiniert und neu verhandelt werden kann.

Um das zu gewährleisten, benötigt man offene Quellen. Diese garantieren permanente Verfügbarkeit und permanente Transparenz, wie sich die Quelle geändert hat und was ihr Ursprung ist. Open Sources sind eine radikale Idee.

4. Kapitel Radikale Aufklärung – Freiheit, unser höchstes Gut?

Radikale Aufklärung

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Freiheit, unser höchstes Gut?

Descartes, Spinoza, Rousseau und Kant und allen anderen großen Vordenkern und Philosophen der europäischen Aufklärung ist eines gemeinsam (und damit zentral im aufklärerischen Denken), die Selbstbestimmtheit des Menschen. Der Mensch hat ein “Naturrecht”, ein Menschenrecht, was ihm sozusagen in die Wiege gelegt wird. Der Mensch wird mit einem freien Willen geboren und hat damit das natürliche Recht, eigene Entscheidungen zu treffen und über sich selbst zu entscheiden.

Kant fasste, in seinem Essay “Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“(3), die Idee der Aufklärung mit “Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.” zusammen. Die Idee der Unabhängigkeit von Kirche, Autoritäten und Monarchen ist seither zentraler Bestandteil jeder modernen, bürgerlichen Gesellschaft.

Im Gegensatz zur Moderne, die ein rein gesellschaftliches, europäisches Produkt ist, scheint die Aufklärung ein, der gesamten Menschheit innewohnender, Prozess der universellen Emanzipation zu sein. Freiheit ist nicht verhandelbar. Freiheit ist ein Menschenrecht.

Der größte Feind der Freiheit scheint die Angst zu sein. Im Gegensatz zur Freiheit ist die Unmündigkeit kein Naturgesetz, sondern Unmündigkeit muss erworben werden. Seit der Antike fragen sich denkende Menschen, warum es möglich ist, dass sich immer wieder Wenige über die Vielen erheben können und denen ihren Willen aufzwingen. Für die Vielen wäre es ja ein Leichtes, Monarch oder Herr zum Teufel zu jagen.

Neben der Apathie, ist es immer wieder die Angst, die die Menschen in Knechtschaft hält. Angst vor dem Ungewissen, Angst vor dem Feind, vor Krankheiten, Seuchen, Gott oder den Dämonen. All diese Ängste sind antiaufklärerisch, da sie immer auf einen irrationalen Kern abzielen. Die europäische Aufklärung stellte dem Irrationalismus ein empirisches, rationales Denken entgegen, welches alle auf der Erde erkennbaren Phänomene als eine Abfolge von Ursache und Wirkung beschreiben könnte. Das bedeutet, dass alles im Ende untersuchbar, kategorisierbar und damit erklärbar wird. Angst hat da keinen Platz und kann nur Teil der individuellen Erfahrung sein, hat aber keinen allgemeingültigen Stellenwert.

Der Rationalismus ist, wie oben gezeigt, keineswegs unwidersprochen. Aber alle unseren moderne, hochtechnologischen Industriegesellschaften beruhen auf dem Wissen, dass jede Wirkung auch eine Ursache hat.

Aber gilt das noch in unserer Zeit? Ist es wünschenswert, dass der Einzelne frei entscheidet? Angesicht der Bedrohungen der heraufkommenden Epoche? Angesichts von Klimaerwärmung, Seuchen und unüberschaubaren Konflikten? Ist nicht ein voraufklärerischer Dualismus, ein klares Einteilen in Gut und Böse viel besser geeignet für die Herausforderung der Zukunft als ein freier Wille, der uns am Ende ins Verderben stößt?

Diese Sicht auf die Welt ist am Anfang des 21. Jahrhunderts stark verbreitet. Nietzsche nennt das, nicht ohne Grund, Sklavenmoral. Ein simpler moralischer Determinismus, der die Welt mit einem einfachen Gut/Böse Konzept erklären kann, ist in jedem Fall reaktionär. Viele der zeitgenössischen Verfechter dieses ideologischen Dualismus halten sich keineswegs für ein Teil der Reaktion, sondern als Wegbereiter einer unbekannten Zukunft. Bezeichnenderweise beinhaltet diese Ideologie einen Mythos des Neuanfangs und das Ende der Geschichte. Konsequent dualistisch wird das Wissen der Menschheit als “traditionelles Wissen” kategorisiert und als überholt und zukunftsunfähig dargestellt. Die Frage, ob Kinder in Deutschland noch in der Schule Goethes Faust lesen sollten, wurde schon gestellt.

Wenn man kurz nachdenkt, würde leicht auffallen, dass dieses Denken das Ende der Vernunft fordert und selbst jedem irrationalen, religiösen Idealisten die Schamesröte ins Gesicht treiben würde.

Wieso sollte gerade jetzt, wo die Welt vor enormen Herausforderungen steht, die Geschichte nicht mehr gelten? Ist Jesus zurückgekommen? Hat sich eine Maya-Prophezeiung erfüllt? Wieso sollten gerade jetzt Unmündigkeit und Konformität Garanten zur Lösung nie dagewesener gesellschaftlicher Veränderungen sein? Oder ist es heute nicht umso wichtiger, die Dinge zu hinterfragen und zu einem selbstbestimmten Urteil zu gelangen?

Dank Hegel haben wir ein ausgezeichnetes (wenn auch zugegeben schwer zu bedienendes) Werkzeug bekommen, die Welt in ihrer Widersprüchlichkeit und verwirrenden Gesamtheit zu beschreiben. Die Dialektik. Das ist unser Schatz, unser großer Vorteil. Niemals sollten wir das aufgeben. Schon gar nicht für einen vorsteinzeitlichen, techno-gnostischen Dualismus à la Silicon Valley, der uns früh übers Smartphone mitteilt, was heute gut oder böse ist. Nieder mit der Unmündigkeit, ein Hoch auf die Freiheit!

“Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.”

(3) Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Berlinische Monatsschrift, 1784

5. Kapitel Radikale Aufklärung – Die Dialektik der Freiheit

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Die Dialektik der Freiheit

Wenn die Freiheit also unser höchstes Gut ist und wir nicht auf sie verzichten können ohne unser Dasein als Mensch aufzugeben, wie gehen wir dann mit ihr um? Freiheit bedeutet auch Gefahr.

Das ist die verwirrende Ambivalenz, die der Freiheit innewohnt. Wenn wir die Freiheit nicht beschneiden können, ohne sie zu verlieren, aber als Menschen auch nicht ohne Vertrag leben können, der das Recht des Stärkeren in seine Schranken weist und Willkür und Selbstjustiz verhindert, was können wir dann also tun, um dieses Paradoxon der Freiheit zu lösen?

Seit Aristoteles gibt es dazu eine rationale, wissenschaftliche Methode, um als Menschheit weder in Unmündigkeit noch in Willkür zu leben. Die Ethik. Im Gegensatz zur Moral, die ihre eigene Negation ist und als Unmoral den Zustand des Anderen, Verachtenswerten beschreibt, ist Ethik die wissenschaftliche Beschäftigung mit Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen.

Schon die vorsokratischen Sophisten sahen es als untragbar an, dass der Mensch als Vernunftwesen und mit freiem Willen ausgestattet, sich lediglich von Traditionen, Konventionen und Regelwerken leiten lässt.

Aristoteles erhebt dies in den Stand einer Wissenschaft, die uns erlaubt, rational, empirisch einen Gesellschaftsvertrag zu entwickeln und immer wieder zu verhandeln. Die Ethik setzt den Menschen als grundsätzlich vernunftbegabt und reflexionsfähig voraus. Wäre er das nicht, hätte er nie den Bereich der naiven Sensualität und Mystik verlassen können und wäre, wie ein Tier, lediglich seinen Trieben und Instinkten ausgeliefert.

Die Basis der Ethik bildet die Tugend. Im Gegensatz zu Offenbarungen und zu Despotien gibt es keine transzendenten, vor der menschlichen Vernunft festgelegten Regeln. Moses 10 Gebote, von Gott erhalten, widersprechen jeder Wissenschaft und sind unethisch. Nicht im Inhalt, denn den gilt es zu verhandeln, sondern in ihrer gottgegebenen Unumstößlichkeit.

Die Verfassungen, die wir heute als Grundlage einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft erwarten, sind alle nicht von Gottes Gnaden oder durch den Geistesblitz eines einzelnen Menschen entstanden. Sondern in einem historischen Prozess erkämpft und verhandelt worden. Unser Zusammenleben ist ein Resultat dieses ethischen Prozesses.

Doch was bedeutet das für eine im Umbruch begriffene, globalisierte, digitalisierte Welt. Eine Welt, in der Nationalstaaten keine Rolle mehr spielen (auch wenn sich alle panisch daran klammern), in der Sprachbarrieren wegfallen und eine permanente Echtzeitkommunikation stattfindet?

Was man klar sagen kann ist, dass sich eine radikale Änderung vollzieht. Dass die alten Regeln, Gesetze und Verfassungen, dass der alte Gesellschaftsvertrag neu verhandelt werden muss. Ethik ist also die Wissenschaft der Stunde!

Bereits die Marxisten im 19. Jahrhundert haben versucht, eine Weltethik zu erschaffen. Sie nannten das Internationalismus, ein Wort, was Nationalismus schon im Namen trägt. Die Situation im 21. Jahrhundert ist eine andere, willkürliche Grenzen lösen sich auf, eine echte Weltgemeinschaft entsteht.

Und um das zu meistern, um eine Weltethik zu entwickeln, benötigen wir Werkzeuge, die uns das ermöglichen. Diese müssen, ganz im marxschen Sinne, Werkzeuge der Selbstermächtigung sein. Digitale Strukturen dürfen nicht in den Händen Einzelner oder Firmen oder Nationen liegen. Die Struktur muss frei sein.

Dass eine ethische Grundlage der Digitalisierung geschaffen werden muss, war klugen, vernunftbegabten Menschen schon von Anfang an klar. Die Basis des Informationszeitalters und des digitalen Wandels beruht auf Software. Neben den heute noch dominierenden proprietären Systemen und Programmen entstand schon früh die Open-Source-Software. Eine Software, die niemandem gehört, die von allen weiter entwickelt werden kann und die, die volle Freiheit garantiert und perfekt geeignet ist als ethisches Werkzeug einer neuen Gesellschaft.

Open-Source-Software ist also kein technisches Phänomen, sondern ein ethisch, politisches. Eine Struktur für unsere Zukunft.

6. Kapitel Radikale Aufklärung – Die Struktur der Macht

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Die Struktur der Macht

Was steht nun einer Etablierung einer Weltethik entgegen? Warum macht die Menschheit sich nicht auf, auf einen Zustand zuzustreben, in dem alle Menschen sicher, frei und in Selbstbestimmung leben können?

Neben dem Bewusstsein, dass solch ein Zustand schwer oder auch gar nicht zu erreichen ist und dem daraus resultierenden Mangel an Mut diesen Schritt ins Ungewisse zu wagen, sind es vorrangig die Besitzverhältnisse und damit die Strukturen der Macht, die einem solchen Schritt fundamental entgegenstehen.

Anfang des 21. Jahrhunderts leben wir in einer spätkapitalistischen Gesellschaft. Wie in allen kapitalistischen Gesellschaften gibt es eine klare Aufteilung der Machtverhältnisse. Es gibt eine besitzende Klasse, der die Produktionsmittel gehören und die damit die Kontrolle über alle gesellschaftlichen Strukturen wie Staat, Militär, Polizei, Medien, Infrastruktur usw. hat. Zum anderen gibt es eine besitzlose Klasse in dem Sinne, dass ihr die Produktionsmittel nicht gehören, dass sie lediglich zum Mehrwertnutzen eines Anderen “arbeiten” kann und somit von Gewinn, Sinn und Erfolg ihres eigenen Arbeitsprozesses ausgeschlossen ist.

Es besteht also, nach wie vor, eine Klassengesellschaft. Schaut man in den globalen Verhältnissen nach, ist das Heer an Sklaven und Proletariern (also Menschen, denen nicht mehr bleibt als sich zu reproduzieren) nicht zu übersehen. Doch auch in den wohlhabenden Industriegesellschaften bleibt die Trennung in Besitzende und Besitzlose klar erhalten, wenn auch oft durch Tand und Privilegien verdeckt.

Entscheidend ist also, die Besitzverhältnisse zu ändern und die Mittel für die gesellschaftliche Produktion aus den Händen der Wenigen zu befreien. Die klassischen proletarischen Bewegungen der letzten 2 Jahrhunderte, waren überzeugt, dass es eine Art historisches Recht gäbe, dass diese Macht nun in die Hände der Arbeiter gelegt werden müsse.

Wir befinden uns jetzt aber an der Schwelle zu einer vollkommen digitalisierten Weltgemeinschaft. Das bedeutet aber auch, dass die Produktionsmittel, die bis jetzt die Basis der Machtstrukturen diese Gesellschaft bildeten, ebenfalls digitalisiert sind. Die materiellen Voraussetzungen jeder Produktion (Werkzeuge, Maschinen, Fabriken) sind inzwischen untrennbar mit einem virtuellen Raum verknüpft. Einem Raum, der unendlich teilbar und unendlich reproduzierbar ist und obwohl er auf materiellen Voraussetzungen beruht, selbst nicht als Materie fassbar ist.

Eine der Grundideen einer Gesellschaft der offenen Quellen ist, dass der virtuelle Raum so eng mit der mechanischen Welt der Produktion verknüpft ist, dass gewissermaßen ein neues Werkzeug entsteht. Der virtuelle, digitale Teil des Werkzeuges dominiert dabei den materiellen Teil. Wenn es also gelänge, die Machtverhältnisse im digitalen Raum in völlig neue Zusammenhänge zu setzten, würde das auch die materiellen Machtverhältnisse ändern.

Entscheiden dabei ist, dass diese Macht dabei nicht in neue Hände gelegt werden soll, sondern als offene Quelle für jeden Menschen nutzbar, veränderbar und wiederverwendbar sein muss.

Bei der Software gibt es daher folgende Open Source Definition(4):

  • Die Software (d. h. der Quelltext) liegt in einer für den Menschen lesbaren und verständlichen Form vor
  • Die Software darf beliebig kopiert, verbreitet und genutzt werden
  • Die Software darf verändert und in der veränderten Form weitergegeben werden

Auf unsere realen Machtverhältnisse in einer digitalen Welt angewandt, heißt das: die Werkzeuge der Macht, also die Produktionsmittel, dürfen von jedem Menschen, zu jedem Zweck benutzt und verändert werden. Einzige Bedingung ist, dass die veränderten Werkzeuge wiederum frei benutzt und verändert werden dürfen. Dass diese Definition in einer klassischen, materiellen Welt Nonsens ist, leuchtet schnell ein. Anders sieht das aus, wenn man davon ausgeht, dass Materie und virtueller Raum untrennbar miteinander verschmelzen. Dann sind diese 3, an sich unspektakulären, Forderungen gesellschaftlicher Sprengstoff.

Zu Ende gedacht verspricht dieser Prozess, aufgrund der permanenten Veränderbarkeit, sowohl die subjektive individuelle Freiheit als auch, aufgrund der permanenten Rückkopplung, volle Teilhabe am gesellschaftlichen Prozess als solches.

(4) Quelle -Wikipedia “Definition der Open Source Initiative” – https://de.wikipedia.org/wiki/Open_Source

 

ORIGINAL https://word.undeadnetwork.de/die-struktur-der-macht

7.Kapitel Radikale Aufklärung – Forken der Ethik

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Forken der Ethik

Wie wäre nun in einer quelloffenen, digitalen Welt eine ethische und damit wissenschaftliche Neuverhandlung eines (Welt)Gesellschaftsvertrages denkbar?

Die Dialektik lehrt uns, dass es nicht die eine transzendente Wahrheit a priori gibt. Eine Zivilisation und die einzelnen Individuen sind geprägt von Ambivalenzen und sich widerstrebenden Erfahrungen, Voraussetzungen und Kausalitäten. Sie sind geprägt von Wahrheiten, die sich gegenseitig ausschließen. Um dieses Paradoxon zu lösen, hat die Menschheit in der klassischen Antike, wie oben gezeigt, die Ethik als ein rationales Instrument geschaffen, um diese Widersprüche immer wieder zu verhandeln.

In der quelloffen Softwareentwicklung (und nur da) gibt es einen Prozess des forkens. Einen Fork erstellen bedeutet eine Abspaltung eines Programmes zu machen. Ein an sich simpler und langweiliger Prozess in der Versionskontrolle, der sicherstellen soll, dass an einem identischen Grundprogramm in verschiedene, unabhängige Richtungen weiter gearbeitet werden kann.

So ist es jedem Menschen völlig frei möglich, ein beliebiges Open-Source-Programm zu kopieren und nach eigenem Vermögen und Interessen weiterzuentwickeln. Durch den sogenannten Fork kann man nicht nur das Wissen nutzen, was bis dahin in das Originalprogramm eingeflossen ist, sondern auch zukünftige Änderungen und Verbesserungen des Originalprogramms in sein eigenes Projekt übernehmen. Auch entsteht ein Rückkopplungsprozess, der wiederum Innovationen der Abspaltungen in das Ursprungsprogramm integrieren kann.

So wäre es denkbar, dass ein Programm zur Steuerung von Glühbirnen in einer Abspaltung zur Ansteuerung von Elektromotoren dient und Forks dieses Programmes könnten wiederum in der Robotik oder bei dem Betrieb von Staudämmen eingesetzt werden usw.

Dieser auf den ersten Blick technische Vorgang ist bei genauerer Betrachtung eine äußerst komplexe und als Prozess höchst effektive Art der Kommunikation. Eine Art Kommunikation, die im historischen Ablauf der Menschheitsgeschichte eine immense Rolle spielt und durch die Digitalisierung und die Erkenntnisse im Umgang mit den offenen Quellen enorme Kraft besitzt.

So ist das Prinzip des Forks aus der quelloffene Softwareentwicklung ein effizientes, dokumentierendes und wissenschaftliches Instrument zur Abbildung dieses Kommunikationsprozesses. Verbunden mit der Digitalisierung findet diese Kommunikation in Echtzeit statt und ermöglicht so eine permanente Neuverhandlung, Änderung und Neuanpassung ohne auf die etablierten und bereits verhandelten Merkmale zu verzichten.

Um dieses mächtige Instrument zur Verhandlung einer zukünftigen Ethik zu etablieren, bedarf es einer Struktur, die vollkommen frei ist. Nimmt man die Dialektik ernst, ist es unmöglich, einen solchen Prozess widerspruchsfrei und ohne Konflikte auszuführen. Auch Fehleinschätzungen und Irrwege sind Teil der menschlichen Natur. Fehler und Konflikte müssen also möglich und akzeptiert sein, ohne dabei das eigentliche Verfahren zu gefährden.

Mit den oben erwähnten Grundsätzen der Open-Source-Bewegung und dem Instrument der Forks und Abspaltungen im digitalen Raum stehen uns bereits mächtige Werkzeuge zur Verfügung, um diese Verhandlung der Ethik zu meistern.

Kontakt: riot@undead-chemnitz.de

8. Kapitel Radikale Aufklärung – Die Rückeroberung der Privatheit

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Die Rückeroberung der Privatheit

Kant sieht in seinem Gesellschaftsvertrag die Vernunft in eine private und eine öffentliche Vernunft geteilt. Private Vernunft ist dabei die Art von Vernunft, die wir im “Amte” anwenden können, also eine Vernunft, die starken Einschränkungen unterliegt und deren Einhaltung für das reibungslose Gelingen notwendig ist. Die öffentliche Vernunft ist dagegen die des “Gelehrten”. Diese sollte, nach Kant, frei sein und alles hinterfragen und aussprechen dürfen.

Neben der Vernunft in der Öffentlichkeit gibt es noch einen Bereich der absoluten Privatheit. Also den Bereich der Familie, der Freunde oder des eigenen Ichs. In der Antike nannte man das Oikos, der Hausverband. Solang dieser Bereich nicht die Öffentlichkeit berührt, also z.B. keine allgemeingültigen Gesetze bricht, ist dort alles erlaubt und wird im Oikos selbst verhandelt. Nicht umsonst sind dort Sexualität und andere Dinge, die “öffentliches Ärgernis” erregen würden, angesiedelt.

Doch was passiert in einer digitalen Gesellschaft, in der sich diese Jahrhunderte alten Grenzen zwischen diesen Bereichen praktisch über Nacht aufgelöst haben? Diese Auflösung geschieht zum einen durch eine permanente Selbst-Publizierung in Echtzeit in den sogenannten “Sozialen Medien.” Und zum anderen, und wesentlich gravierender, durch die technisch machbare und real stattfindende Totalüberwachung und Aufzeichnung aller sich im digitalen Raum vollziehenden Ereignisse.

Da wir uns in einer vollkommen digitalisierten Welt befinden, finden auch alle Bereiche des Lebens dort eine Abbildung. Es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um den privaten Bereich des Oikos oder um die öffentliche Betrachtung eines gesellschaftlichen Problems handelt. Wird also alles öffentlich und, wie heute jeder weiß(5), permanent aufgezeichnet, so bedeutet dies die völlige Abschaffung der Privatsphäre, des privaten Bereichs, des Oikos.

Das ist fatal. Während die öffentliche und private Vernunft, lediglich und wie zu allen Zeiten, neu verhandelt werden muss, ist der Wegfall der Privatheit eine Zäsur in der Menschheitsgeschichte und galt bis dahin als ein Folterinstrument des Panoptikum in Strafanstalten und Gefängnissen.

Privatheit und Privatsphäre sind aber untrennbar mit gesellschaftlicher und individueller Freiheit sowie einem menschenwürdigem Leben im Allgemeinen verbunden. Die Rückeroberung der Privatheit ist somit der entscheidende Kampf am Beginn einer allumfassenden Digitalisierung, die keinen analogen Raum mehr lässt.

Doch wie kann dies geschehen? Im Bereich der Softwaresicherheit gibt es das Konzept des militarisierten und demilitarisierten Bereichs. Man geht davon aus, dass jedes Gerät und jedes Programm, welches mit dem weltweiten Netz verknüpft ist, immer angegriffen, ausgelesen, kompromittiert und manipuliert wird (oder werden kann). Alles, was im Internet, im digitalen Raum geschieht, findet also in der militarisierten Zone statt und ist laut Definition permanenten Angriffen ausgesetzt.

Die Antwort, wie man also Privatheit auch im digitalen Raum herstellen kann, kommt folgerichtig aus der Militärtradition. Es ist die Kryptografie. Seit dem Beginn militärischer Auseinandersetzungen hat die Menschheit versucht, wichtige Nachrichten so zu verändern, dass der Feind sie nicht auswerten kann.

Da im Internet potenziell alles vom “Feind” (in diesem Fall vom Feind der Privatheit) beherrscht sein kann, ist es also dringend notwendig, dass alles, was privat ist, und sei es noch so uninteressant und belanglos, verschlüsselt und kryptografiert sein muss. Die Herstellung einer voll umfassenden Kryptografie des privaten Bereichs ist damit eine der wichtigsten Aufgaben der Menschheit in der neuen Epoche.

Neben der Herausforderung dies den Menschen bewusst zu machen und umzusetzen, besteht eine der größten Schwierigkeiten darin, dass zur Ver- und Entschlüsselung kryptografische Werkzeuge benötigt werden. Diese können nicht in der Hand Einzelner oder Gruppen liegen, sondern müssen frei sein und als offene Quelle vorliegen. Das kryptografische Werkzeug an sich darf also selbst keine Geheimnisse beinhalten. Das Geheimnis zur Verschlüsselung, der Schlüssel muss in der Hand des einzelnen Individuums liegen, genau wie ein Schlüssel, mit dem man seine Wohnungstür verschließt, bevor man privaten Vorlieben nachgeht.

(5) Permanent Record (2019) Edward Snowden ISBN 9781529035650