Philosophie des Kontakts – Giorgio Agamben

Ich teile hier mal einen Text von Giorgio Agamben der erschien auf Sūnzǐ Bīngfǎ auf Deutsch und auf Quodlibet im Original auf Italienisch.

Giorgio Agamben

Zwei Körper treten miteinander in Verbindung, wenn sie sich berühren. Aber was bedeutet es, sich zu berühren? Was ist überhaupt ein Kontakt? Giorgio Colli hat eine scharfe Definition davon gegeben, indem er feststellte, dass zwei Punkte in Kontakt sind, wenn sie nur durch eine Leerstelle der Darstellung getrennt sind.

Der Kontakt ist kein Berührungspunkt, den es an sich nicht geben kann, denn jede fortlaufende Quantität kann geteilt werden. Man sagt, dass zwei Objekte in Kontakt sind, wenn kein Medium zwischen ihnen eingefügt werden kann, d.h. wenn sie unmittelbar sind.

Wenn zwischen zwei Dingen eine Beziehung der Repräsentation besteht (z.B. Subjekt-Objekt; Ehemann-Ehefrau; Meister-Diener; Entfernung-Nähe), wird man nicht sagen, dass sie in Kontakt sind; aber wenn jede Repräsentation verloren geht, wenn es nichts zwischen ihnen gibt, dann und nur dann kann man sagen, dass sie wirklich in Kontakt sind.

Dies kann auch dadurch ausgedrückt werden, dass der Kontakt nicht repräsentierbar ist, dass es nicht möglich ist, eine Repräsentation der fraglichen Relation zu machen – oder, wie Colli schreibt, dass „der Kontakt daher der Hinweis auf ein repräsentatives Nichts, auf einen metaphysischen Zwischenraum ist“.

Der Makel dieser Definition ist, dass sie, sofern sie auf rein negative Ausdrücke wie „nichts“ und „nicht darstellbar“ zurückgreifen muss, Gefahr läuft, ins Mystische abzugleiten. Colli selbst gibt an, dass der Kontakt nur annähernd als unmittelbar bezeichnet werden kann, dass die Repräsentation nie ganz ausgeschlossen werden kann. Gegen jede Gefahr der Abstraktion wird es also nützlich sein, zum Ausgangspunkt zurückzukehren und erneut zu fragen, was es bedeutet, „zu berühren“ – also diesen bescheidensten und irdischsten aller Sinneseindrücke, die Berührung, zu befragen.

Aristoteles reflektierte über die besondere Natur des Tastsinns, die ihn von den anderen Sinnen unterscheidet. Für jeden Sinn gibt es ein Medium (Metaxie), das eine entscheidende Funktion ausübt: für das Sehen ist das Medium das Durchsichtige, das, durch Farbe beleuchtet, auf die Augen einwirkt; für das Hören ist es die Luft, die, von einem Klangkörper bewegt, auf das Ohr trifft. Was den Tastsinn von den anderen Sinnen unterscheidet, ist, dass wir das Tastbare nicht wahrnehmen, „weil die Mitte eine Wirkung auf uns ausübt, sondern durch Verbindung mit eben( ama) der Mitte“. Diese Mitte, die nicht äußerlich an uns ist, sondern in uns, ist das Fleisch ( sarx). Das bedeutet aber, dass nicht nur der äußere Gegenstand berührt wird, sondern auch das Fleisch, das von diesem berührt wird – dass wir also im Kontakt unsere eigene Empfindsamkeit berühren, von unserer eigenen Empfänglichkeit ergriffen werden.

Während wir beim Sehen unsere eigenen Augen nicht sehen und beim Hören unser eigenes Hörvermögen nicht wahrnehmen können, spüren wir beim Berühren unsere eigene Fähigkeit zu berühren und berührt zu werden. Der Kontakt mit einem anderen Körper ist also sowohl und vor allem der Kontakt mit uns selbst. Der Tastsinn, der den anderen Sinnen unterlegen zu sein scheint, ist also in gewissem Sinne der erste, weil in ihm so etwas wie ein Subjekt erzeugt wird, das im Sehen und in den anderen Sinnen irgendwie abstrakt vorausgesetzt wird. Wir machen zum ersten Mal eine Erfahrung mit uns selbst, wenn wir einen anderen Körper berühren, wenn wir unser gemeinsames Fleisch berühren.

Wenn man, wie es heute perverserweise versucht wird, jeden Kontakt abschaffen würde, wenn man alles und jeden auf Abstand halten würde, dann würden wir nicht nur die Erfahrung anderer Körper verlieren, sondern vor allem jede unmittelbare Erfahrung von uns selbst, das heißt, wir würden schlicht und einfach unser Fleisch verlieren.

Giorgio Agamben

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