Als die Polizei im Röckchen kam – Quisquis‘ Punk Memories Vol. 1

Ich übernehme hier mal ein paar Texte von Quisquis, über früher und heute, die auf diaspora* veröffentlicht wurden. Es geht um Kreuzberg in den 80ern (so was interessiert mich immer – da hatte ich noch eine glückliche Kindheit hinter dem Antifaschistischen Schutzwall) aber auch um ganz zeitgemäße Gedanken zur Situation. Sehr interessant.

Quisquis hat mir erlaubt den Text zu ändern, was ich aber auf keinen Fall machen werden. Ich sammle Meinungen, nicht Wahrheiten. Ich teile nicht alles, was Quisquis hier schreibt. Darum geht es auch nicht .. es ist die Sicht eines Menschen, der sich eigene Gedanken macht! Tolle Sache, hätte uns nur mal jemand gesagt, dass eine eigene Meinung wichtig ist. Also hier TEIL 1 viel Spaß beim Lesen.

Als die Polizei im Röckchen kam

Beim Musikhören fielen mir heute einige sehr alte Geschichten ein. Aus verschiedenen Gründen finde ich, die sollten mal in loser Folge aufgeschrieben werden. Womöglich sagt das einem was.

Hier ist es vielleicht 1984. Berlin, Kunst- und Kulturzentrum Kreuzberg, geheißen Kukuck, besetztes Haus. Auftritt Punkband MDC.

Der Eintritt war drei Mark. Zahlbar per Einwurf einiger Münzen in einen alten Reisekoffer. Punk balancierte den auf dem Geländer des großen Treppenhauses, oben, vor dem Saal.

Es hatte wohl Streit gegeben, Messerstecherei angeblich sogar. Aber davon habe ich nichts gemerkt. Die Etage war voll mit hunderten Hardcore-Punks. Wohl mitbekommen habe ich dann das Eintreffen der Polizei.

Sie kamen anscheinend zu zweit. Bestimmt im Golf. Heute reiten sie hier schon bei Verkehrs-Lappalien in kugelsicherer Weste ein, sehen jedenfalls so aus. Die aber kamen mit den damals üblichen weißen Schirm-Mützchen und grünen Uniform-Röckchen. Und einer nur bahnte sich den Weg, allein durch hunderte johlende Punks. Ein kleiner älterer Mann, graue Haare, erinnere ich wohl.

Der ging so auf die Bühne, nahm dem Sänger höflich das Mikro weg und wollte kraft seines Amtes eine Ansage starten. Es habe einen Zwischenfall gegeben und man müsse unterbrechen oder so.

Aus heutiger Sicht ganz schön mutig. Zumal „MDC“ seinerzeit landläufig als „Millions of dead Cops“ verstanden wurde. Aber das hatte ihm wohl auch keiner gesagt. Sofort füllte sich die Luft mit Bierflaschen und was jetzt nicht alles fliegen konnte. Das war so eindrucksvoll, dass ich heute staune, keine blutverschmierten Verletzten gesehen zu haben.

Und dann passierten noch zwei Merkwürdigkeiten, die mir erst Jahrzehnte später bewusst wurden. Das erste war meine Reaktion: Es gab fast keine.

Nun weiß ich inzwischen auch aus Beobachtung der eigenen Kinder, dass 15-Jährige eine Tendenz zum Naturbreitsein haben. Damals kam noch diese besondere No-Future-Ignoranz dazu, der Zeitgeist hieß „Tanz auf dem Vulkan“. Mir war völlig klar, dass das sowieso bald alles abkackt. Ob die nun Atombomben schmeißen oder der Russe in West-Berlin einmarschiert.

So dachten anscheinend auch manche Erwachsene, nebenbeibemerkt: Ich hatte Freunde, deren Eltern Eigentumswohnungen in Westdeutschland gekauft hatten, um zur Not einen Fluchtort zu haben. Mir war das alles egal. Jedenfalls: Ich erinnere mich genau an meinen einen wesentlichen Gedanken inmitten dieses durchaus gefährlichen Tumults: „Das Konzert ist ja wohl vorbei. Kann ich auch wieder nach Hause fahren.“ Mit 15 ist mancher einfach etwas stulle.

Die andere Merkwürdigkeit war einer der beiden Polizisten. Die hatten natürlich die Beine in die Hand genommen, mussten sich ernsthaft retten. Das hinderte den Mann aber nicht, auf der Flucht ein etwas dämlich rumstehendes schmächtiges Kind zu bemerken und mit retten zu wollen. Mich nämlich. Schob der mich also im Treppenhaus immer an der Wand lang vor sich her, weil innen von oben die Bierflaschen regneten, vor denen er mich abschirmte.

Das habe ich mir erst in heutiger Zeit überlegt. Selber kein Helm auf dem Kopf, nur Mützchen und will mich auch noch schützen.

Achtenswert.

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